Was ist Buhurt? Ein Einsteiger-Guide von einem Kämpfer
Aktualisiert 10 Min. LesezeitFür Einsteiger
Inhalt
Buhurt ist ein Vollkontakt-Teamsport in echter Stahlrüstung mit stumpfen Stahlwaffen. Zwei Teams treffen in einer umzäunten Arena aufeinander, und wer außer mit den Füßen noch mit einem dritten Punkt den Boden berührt, ist raus. Keine Choreografie. Keine Punkte für Stil.
Ich bin Jan Kutnar, in der Szene nennen mich aber alle Pidel. Ich kämpfe bei Weltmeisterschaften für die tschechische Nationalmannschaft, mit der ich schon WM-Dritter geworden bin. Beruflich baue ich Turnierrüstungen, ich kenne den Sport also von beiden Seiten des Visiers. Das hier erzähle ich ungefähr jedem, der zum ersten Training kommt.

Im Grunde MMA in Stahl
Kurz gesagt: MMA oder Muay Thai, in schwerer Stahlrüstung, im Team. Geschlagen wird echt und mit voller Kraft. Die Aggression ist aber sehr kontrolliert und bleibt in der Arena.
Oft wird Buhurt mit Bühnenkampf, Reenactment und HEMA verwechselt. Bühnenkampf ist einstudiert und fürs Publikum gemacht, im Buhurt ist nichts einstudiert. Reenactment stellt Geschichte nach; unsere Rüstung muss zwar plausibel aussehen, aber niemand spielt eine Rolle. HEMA (historische europäische Kampfkünste) rekonstruiert das Fechten aus alten Fechtbüchern, meist in leichterer Schutzausrüstung und mit Wertung auf saubere Treffer. Im Buhurt geht es vor allem darum, den Gegner auf den Boden zu bringen.
Die Leute in einem Buhurt-Verein sind eine seltsame Mischung. Ehemalige Rugbyspieler, Schwimmer, Kraftdreikämpfer und ITler, die endlich vom Rechner aufgestanden sind. Die Rüstung gleicht mehr aus, als man denkt. Ein Kämpfer mit 70 kg, der seinen Schwerpunkt einsetzen kann und gutes Timing hat, wirft auch jemanden, der viel größer und schwerer ist.
Woher es kommt
Der Name geht auf das altfranzösische béhourd zurück (pardon my French, wie die Engländer sagen), ein Wort für mittelalterliche Turnierspiele. Das waren meist Gruppenkämpfe zu Pferd, oft mit stumpfen Waffen oder Stöcken. Erledigt haben sie die Feuerwaffen. Sobald eine Kugel durch die Platte ging, ergab ein Ritter in voller Rüstung auf dem Schlachtfeld keinen Sinn mehr, und im Lauf des 16. Jahrhunderts verschwanden auch die Turniere, auf denen er geübt hatte.
Der moderne Sport ist jung. Ende der 1990er trafen sich Enthusiasten in Russland, Belarus und der Ukraine auf Fußballplätzen, in Rüstungen, die ehrlich gesagt nicht dafür gebaut waren. Die erste Battle of the Nations fand 2010 auf der Festung Chotyn in der Ukraine statt. 2013 spaltete sich ein Teil der Community ab und gründete die IMCF, die bis heute jedes Jahr eine Weltmeisterschaft ausrichtet. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine fiel die Battle of the Nations 2022 aus und kam nie wieder. Die meisten ihrer früheren Verbände sind heute bei Buhurt International, russische Teams veranstalten eigene Events.
Wie man gewinnt
In den Teamkategorien zählt niemand Treffer. Du gewinnst, wenn das ganze gegnerische Team am Boden ist.
Ein Kämpfer ist raus, sobald er den Boden mit einem dritten Punkt berührt. Zwei Füße sind in Ordnung. Kommt eine Hand, ein Knie, der Hintern oder der Schild dazu, ist die Runde für dich vorbei. Wer die Arena verlässt, ist auch raus. Und wer liegt, bleibt liegen: kein Aufstehen, kein Greifen nach Knöcheln vom Boden aus.
Historisch ergibt das Sinn. Ein Ritter, der in einer echten Schlacht am Boden lag, hatte nicht mehr viel Zeit.
Was nach den HMBIA-Regeln verboten ist (ursprünglich für die Battle of the Nations geschrieben, heutige Verbände haben sehr ähnliche):
- stechen (erlaubt sind nur Hiebe und Schläge)
- Schläge auf die Füße, in die Kniekehle, in den Schritt und in den Nacken
- auf jemanden schlagen, der schon liegt
- Gelenkhebel, Drehgriffe, Würgen und Griffe an den Hals
- mit der bloßen Faust ins Gesicht schlagen
Vor jedem Kampf prüfen die Kampfrichter die Ausrüstung. Waffenschneiden müssen mindestens 2 mm dick und abgerundet sein, Waffen haben Gewichtsgrenzen, und die Rüstung muss abdecken, was die Regeln verlangen. Die Verbände unterscheiden sich im Detail, also lies die Regeln des Turniers, bei dem du antrittst, nicht irgendeinen Blogartikel. Auch nicht diesen.
Die Formate
| Format | Wer kämpft | Was dich erwartet |
|---|---|---|
| 5 gegen 5 | 5 pro Team, bis zu 3 Ersatzleute | Die Hauptdisziplin. Schnell, taktisch, hier fangen die meisten Vereinskämpfer an |
| 3 gegen 3 | 3 pro Team | Kleineres Teamformat bei manchen Events |
| Massenschlachten | 12 bis 150 pro Seite (12 gegen 12, 16 gegen 16, 21 gegen 21, 30 gegen 30, 150 gegen 150) | Linienkämpfe auf großen Festivals, viel Drücken, Schieben und Einhaken |
| Profight | 1 gegen 1 | MMA in Rüstung: Schläge, Tritte, Würfe, 3 Runden à 90 Sekunden |
| Duelle | 1 gegen 1 | Wertung auf Treffer, nach Waffen: Schwert und Schild, Schwert und Buckler, Langschwert, Stangenwaffe |
Warum es beim 5 gegen 5 um dein Team geht
Buhurt ist der einzige Kampfsport, den ich kenne, in dem Überzahl zum Spiel gehört. Du drückst jemanden an den Zaun, ein Teamkollege springt dazu, und plötzlich steht es zwei oder drei gegen einen. Das ist das Power Play. Der Haken: Das andere Team kann genau dasselbe mit dir machen, und es wird das tun, sobald du dich zu weit vorwagst.
Wir haben Jahre gebraucht, um das wirklich zu verstehen: Einen Teamkollegen zu retten, der am Zaun festhängt, bringt fast immer mehr als einem eigenen Niederwurf hinterherzujagen. Du willst unbedingt einen schönen Wurf landen, dein Kollege fällt hinter dir, und das ganze Team klappt zusammen.
In einer typischen Fünf gibt es grob drei Arten von Aufgaben. Schwerere Kämpfer drücken Gegner an den Zaun und fangen den Druck ab. Kämpfer mit längeren Waffen gehen außen herum und schlagen auf alles, was ungedeckt ist. Und dann gibt es einen Springer (bei uns heißt er středař), der den Kampf liest und dorthin rennt, wo gerade jemand in Unterzahl gerät.
Was du eigentlich trägst
Drei Schichten. Auf der Haut Funktionswäsche gegen den Schweiß. Darüber ein Gambeson, eine dicke gesteppte Jacke mit gepolsterter Hose. Die Regeln verlangen Polsterung unter dem Stahl, und nach dem ersten Axthieb weißt du warum. Ganz außen kommt gehärteter Stahl: Helm, Halsberge, Rumpfschutz, Arm- und Beinzeug, Panzerhandschuhe.
Am Rumpf tragen die meisten eine Brigantine, eine Stoff- oder Lederjacke mit überlappenden Stahlplatten, die innen vernietet sind. Sie bewegt sich viel besser mit dir als ein starrer Brustpanzer. In unserer Werkstatt wird jede Platte geschnitten, gehärtet, gegen Rost lackiert und von Hand vernietet. Vorher schleifen wir jede Kante, damit sie den Gambeson nicht durchscheuert.
Am Helm würde ich nie sparen. Das HMBIA-Minimum entspricht 2 mm Stahl, mit Gesichtsschutz, Polsterung innen und Kinnriemen. Ich würde nicht unter 2,5 mm gehen. Mein schwerster Helm wiegt 12 kg und meine ganze Rüstung 52 kg, das ist eher am oberen Ende. Wenn jemand mit einer zweihändigen Axt auf einen gut sitzenden Helm schlägt, klingt es wie eine Glocke, der Helm verrutscht ein bisschen, und meistens passiert dir nichts. Vorausgesetzt, dein Nacken ist trainiert und die Polsterung passt dir wirklich.
Ein paar Zahlen zur Orientierung:
| Üblich | Quelle | |
|---|---|---|
| Helmstahl | laut Regeln mindestens 2 mm, ich empfehle 2,5 mm, an der Kalotte oft 3 mm | HMBIA-Regeln, Medieval Extreme, eigene Erfahrung |
| Helmgewicht | etwa 7 bis 12 kg | Medieval Extreme, mein eigener Helm |
| Komplette Rüstung | 20 bis 52 kg, meist um 30 kg, meine 52 kg | ABC News, Lidé a Země, eigene Erfahrung |
| Waffenschneide | mindestens 2 mm dick, abgerundet | HMBIA-Regeln |
| Einhandschwert oder Falchion | max. 1,7 kg | HMBIA-Regeln |
Die Waffen sind meist einhändig: Falchions (bei uns heißen sie lopata, Schaufel), Einhandäxte, mit denen man prima einen Schild wegziehen kann, Streitkolben und Schwerter, dazu ein Schild. Dann gibt es Stangenwaffen wie Hellebarden, etwa 170 bis 200 cm lang (das Limit stammt aus den Regeln von Buhurt International). Alles, was zum Stechen gemacht ist, ist verboten.
Ist das gefährlich?
Ja, es ist ein Vollkontaktsport und Leute verletzen sich. Eine richtige Verletzungsstudie zum Buhurt habe ich bisher leider nicht gefunden. Am nächsten kommt eine informelle Umfrage von 2022 unter 57 Kämpfern, überwiegend aus den USA: Hände und Finger waren am häufigsten betroffen (18 Meldungen), Gehirnerschütterungen kamen zehnmal vor. Gelenkverletzungen durch Stürze wurden ebenfalls oft genannt.
Was wir in der Werkstatt sehen: Die meisten Verletzungsprobleme hängen an der Passform, vor allem bei Helm und Handschuhen. Ein Helm, der wackelt, Handschuhe mit Lücken. Genau diese Teile lohnt es sich anpassen zu lassen. Und nein, die Waffen sind nicht scharf. Am Montag müssen wir alle zur Arbeit.
Was es kostet
Die Zahlen, die man findet, gehen weit auseinander. Tschechische Kämpfer nannten 2014 zum heutigen Kurs umgerechnet etwa 800 bis 2.400 € für ein Set, 2022 rund 2.900 € für eine Maßanfertigung, die englische Wikipedia nennt 2.000 bis 3.000 Dollar und mehr für Rüstung und Waffen. Ein komplettes Set von uns, vom Helm bis zu den Sabatons (Panzerschuhen), kostet zu heutigen Preisen etwa 5.600 €, ohne Gambeson und Waffen.
Die meisten kaufen nicht alles auf einmal, und das solltest du auch nicht. Trainier erst in geliehener Vereinsausrüstung und finde heraus, ob es dich packt.
Wie du anfängst
- Such dir einen Verein. Ich selbst kämpfe für die Prague Trolls in Prag. Weitere tschechische Vereine sind MFC Česká Korouhev, ebenfalls in Prag, MFC Vysočina, MFC Zlínsko, Mamánci und MFC Ostrava. Sonst fang bei deinem Nationalteam oder Verband an, oder bei den Vereinslisten von IMCF und Buhurt International.
- Fang gleich mit Kondition an. Nacken, Rumpf, Beine und Ausdauer. Eine Studie von 2024 maß bei einem simulierten Profight (3 Runden à 90 s) den Puls eines Kämpfers: 193.
- Lern ringen. Clinch, Hüftwürfe, jemanden an den Zaun drücken. Die meisten Vereine trainieren das in normaler Sportkleidung.
- Hau auf etwas drauf. Vereine haben meist eine Puppe aus gestapelten Reifen, auf die du mit einer Stahlwaffe voll draufhauen kannst.
- Kämpf in Leihausrüstung. Die meisten Vereine haben ein paar Sets übrig.
- Dann hol dir deine eigene, auf dich angepasst.
Und warte nicht, bis du „in Form“ bist. Das ist keiner, wenn er anfängt. Komm zum Training, leih dir einen Helm und schau, wie es sich anfühlt.
Kurze Antworten
Wie spricht man Buhurt aus? So, wie man es schreibt: „Bu-hurt“.
Ist Buhurt ein echter Kampf? Ja. Volle Kraft, keine Choreografie, stumpfe, aber echte Stahlwaffen.
Wie schwer ist eine Buhurt-Rüstung? Zwischen 20 und 52 kg. Meist um 30 kg, meine 52 kg sind das obere Ende. Der Helm allein etwa 7 bis 12 kg.
Kann man vom Buhurt CTE (chronisch-traumatische Enzephalopathie) bekommen? Soweit ich weiß, hat das noch niemand richtig untersucht. Gehirnerschütterungen kommen vor, also nimm den Sitz von Helm und Polsterung ernst und kämpf nicht mit Symptomen.
Was ist der Unterschied zwischen Buhurt und HEMA? HEMA ist Fechten mit Wertung auf saubere Treffer. Buhurt ist Vollkontaktkampf, bei dem gewinnt, wer den Gegner zu Boden bringt.
Quellen
- HMBIA, Rules for buhurt categories v1.0.2 (englisch)
- HMBIA, Regulations for buhurt categories v1.2 (englisch)
- Wikipedia, Buhurt
- Wikipedia, Battle of the Nations (englisch)
- Wikipedia, International Medieval Combat Federation (englisch)
- Buhurt Australia, Waffen nach den Regeln von Buhurt International (englisch)
- Medieval Extreme, Bascinet mit Wolf-Rib-Visier, Helmdaten (englisch)
- Lidé a Země, Interview mit Jan Kutnar, 15.08.2026 (tschechisch)
- ABC News, Medieval combat as a sport, 2022 (englisch)
- Sensors (2024), physiologische Belastung eines Buhurt-Kämpfers (englisch)
- Trash Knight Ringo, Umfrage zu Verletzungen im Buhurt, 2022 (englisch)
- E15, Interview mit Tomáš Gajdošík, 2014 (tschechisch)
- Blesk, Besuch eines Buhurt-Trainings, 2022 (tschechisch)
- The Pidel, YouTube-Kanal von Jan Kutnar (tschechisch)
Veröffentlicht 07.10.2026 · Aktualisiert 07.10.2026

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